Nichts – Fiktion oder brutale Wirklichkeit?

In dem Buch „Nichts was im Leben wichtig ist“ von Janne Teller geht es um eine siebte Klasse aus Dänemark, die dem Mitschüler Pierre Anthon beweisen möchte, dass es sehr wohl Bedeutung gibt, denn dieser behauptet das Gegenteil und tyrannisiert die Klasse damit. Sie fangen an, bedeutsame Sachen zu sammeln, die sie auf einem Berg der Bedeutung zusammentragen. Es beginnt ganz harmlos mit Büchern, einer Angelrute und Sandalen und spitzt sich dann immer weiter zu, so dass die letzten sieben Abgaben die blauen Zöpfe, der Gebetsteppich, ein neongelbes Fahrrad, die Unschuld, Jesus am Kreuz, ein Hundekopf und ein rechter Zeigefinger sind. Am Ende siegen Hass und Verzweiflung und man fragt sich, ob die Bedeutung nun gefunden worden ist oder nicht.

Alles nur ausgedacht?

Sucht man das Wort Fiktion im Duden, dann findet man folgende Umschreibung: „etwas, was nur in der Vorstellung existiert; etwas Vorgestelltes, Erdachtes“[1]. Dies trifft auf den Handlungsort Tæring zu, denn der existiert nicht. Auch die Handlung und die Personen hat sich die Autorin ausgedacht. Ist die Handlung jedoch wirklich nur etwas Vorgestelltes oder könnte sich so etwas auch in Wirklichkeit abspielen?

Macht des Konformitätsdruckes

Stell dir einmal das wirklich Wichtigste in deinem Leben vor. Etwas, was für dich sehr viel Bedeutung hat. Diese Sache oder Person müsstest du nun abgeben und du hast keine Wahl. Du musst es tun. Was neben Trauer und Verzweiflung spürst du noch? Bei mir wäre es Wut. Wut auf diejenigen, die es gefordert haben, Wut auf diejenigen, die mich zwingen, meine Bedeutung abzugeben. Daraus folgt, dass man sich den Nächsten aussucht und Rache üben möchte. Der Nächste soll noch viel mehr Leiden als man selbst. Könntest und würdest du den Kreis durchbrechen, sich dem Gruppendruck entziehen und sagen: „Nein, ich mach nicht mehr mit!“ Wenn dir das gelingt, dann gehörst du zu den Wenigen, die das schaffen.

Wissenschaftler haben immer und immer wieder das Experiment von dem amerikanischen Psychologen Solomon Asch wiederholt, der in seinem Test Konformitätsdruck, also Gruppenzwang, untersucht hatte. Dabei kam raus, dass sich 75% mindestens einmal der Gruppenmeinung unterworfen haben. Je größer die Gruppe, desto weniger wurde ihr widersprochen[2].

Realität siegt

Für mich gibt es nun diese Antwort. Auch wenn Janne Teller sich diese Geschichte nur ausgedacht hat, kann ich mir trotzdem allzu gut vorstellen, dass das Ganze so auch im echten Leben abgelaufen wäre. Vielleicht mit anderen Rahmenbedingungen, doch es gäbe trotzdem einen Berg aus Bedeutung, der immer mehr fordert und dem sich keiner entziehen kann. Man würde einfach mitmachen, das opfern, was gefordert wird und würde den Verlust damit kompensieren, dass die Rache den Nächsten noch viel schlimmer treffen soll. Sich an Außenstehende zu wenden, die den Prozess unterbrechen könnten, was in dem Buch die Eltern und Lehrenden gewesen wären, wäre auch in der Realität, meiner Ansicht nach, kaum denkbar. Egal was man abgibt, das was man fordert, macht einem zum/zur Mittäter*in und ist moralisch genauso fraglich, wie das Geforderte.

Was bedeutet das nun für uns KiWis?

Das Ganze zeigt auf, dass man als Außenstehende*r kaum Einfluss auf das Geschehen hat, denn der Gruppenzusammenhalt in solchen Situationen ist viel höher. Dennoch sollte seine Umgebung, gerade im beruflichen Kontext, aufmerksam beobachtet und bei Auffälligkeiten offen angesprochen werden. Wichtig ist, dass man immer als Vertrauensperson verfügbar ist. Man muss das Handeln aus der Perspektive der Kinder begreifen und nicht annehmen, dass dieses „irrational oder dumm“, sondern in ihren Augen sinnhaft ist, aber eben die Sinnhaftigkeit bzw. Dynamik sich einem nicht voll erschließt. Denn auch wenn man denkt, dass das dauernde darauf Aufmerksam-Machen nicht viel bringt, hilft es doch jenen, die leichte Zweifel haben und sich dann eventuell doch öffnen. Vor allem sollte man das Gesagte immer ernst nehmen und auf Augenhöhe mit den Betroffenen reden. Fatal wäre, das Gesagte zu kommentieren oder zu bewerten. Gemeinsame Lösungswege bringen viel mehr als leere Ratschläge.

Verfasst von Rebekka                                                  


[1] Bibliographisches Institut GmbH (2019). Stichwort: ‚Fiktion‘. Duden online, verfügbar unter: https://www.duden.de/rechtschreibung/Fiktion, [03.06.2019]

[2] vgl. Stangl, W. (2019). Stichwort: ‚Konformitätsdruck‘. Online Lexikon für Psychologie und Pädagogik, verfügbar unter: https://lexikon.stangl.eu/3947/konformitaetsdruck/ [03.06.2019]

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