Ein Leben ist ein Leben – egal wie kurz es auch sein mag!

Jemand, der seinen Ehepartner verliert, ist Witwer oder Witwe. Jemand, der ein Elternteil verliert, ist Waise oder Halbwaise. Aber für jemanden, der sein Kind verliert, gibt es in unserer Sprache nicht einmal ein Wort, denn so sollte es in der Natur nicht sein. Trotzdem passiert so etwas und auch ein Kind kann schon wieder sterben, bevor es richtig auf dieser Welt angekommen ist. Es gibt Fehlgeburten, Totgeburten und Frühgeburten.

Zu früh geboren

Etwa jedes 10. Kind wird in Deutschland zu früh geboren. Wenn ein Kind zwischen der 22. und der 37. Schwangerschaftswoche geboren wird, gilt es als „Frühchen“ und ist noch nicht selbstständig lebensfähig. Je früher ein Kind geboren wird, desto weniger sind die Organe entwickelt und desto kritischer ist die Überlebenschance des Kindes. Es bedarf einer intensivmedizinischen Betreuung und Behandlung, um Frühchen am Leben zu erhalten, bis sie sich weitgenug entwickelt haben, um selbstständig atmen, essen und leben zu können.[1]

In der Neonatologie entwickelt sich die Medizin ständig weiter und hat in den letzten Jahrzenten große Fortschritte gemacht. Hierdurch ist es überhaupt erst möglich, Kindern, die nicht einmal 500 Gramm wiegen, ein Leben zu ermöglichen.

Kritische Zeit überleben – und dann?

Wenn die Kinder die erste Zeit überlebt haben, haben sie meistens bereits Monate auf der Intensivstation verbracht. Viele Frühchen entwickeln sich später ganz „normal“ und unterscheiden sich in den Entwicklungsschritten nicht von gleichaltrigen Kindern. Es kann durch die zu frühe Geburt allerdings auch zu Entwicklungsverzögerungen oder Behinderungen kommen.[2]

Nach der langen, schweren Zeit im Krankenhaus, mit dem ständigen Bangen, ob das eigene Kind überleben wird oder nicht, kann es passieren, dass Eltern ihrem Kind alles abnehmen wollen oder ihm gar nichts zutrauen, um es zu behüten und nicht zu überfordern. Dieses Verhalten der Eltern kann sich auch auf die Entwicklung der Kinder auswirken.

Leben um jeden Preis?

Wenn alles gut geht und sich die Kinder „normal“ entwickeln, ist das sehr erfreulich, aber leider gibt es auch andere Fälle.

Gesund sein zählt immer noch als Standard in unserer Gesellschaft, doch auch Menschen mit einer, aus gesellschaftlicher Perspektive gesehenen, Behinderung oder Beeinträchtigung, können ein sehr erfülltes und schönes Leben haben.

Nach dem Grundgesetz hat jeder Mensch ein Recht auf Leben und körperliche Unversehrtheit. Die Eltern haben die Verantwortung und die Entscheidungsmacht für und über ihre Kinder. Dadurch können sich Eltern mit einer sehr schwierigen Entscheidung konfrontiert sehen, wenn es in kritischen Situationen darum geht, ihr Kind am Leben zu erhalten oder dieses in den Tod zu begleiten. Dabei haben die Ärzt*innen eine beratende und unterstützende Funktion. Es gibt Statistiken und Wahrscheinlichkeiten, an denen sich Ärzt*innen orientieren, aber, wie bei jeder Krankheit und bei jedem Leben, ist jeder Fall anders und einzigartig. Die Ärzt*innen müssen abwägen, ob das Leid und die Therapie des Neugeborenen im Verhältnis zu dem erwarteten Ergebnis stehen. Also ob es sich „lohnt“ und für „sinnvoll“ erachtet wird, ein Kind am Leben zu erhalten oder ob dieses lieber in den Tod begleitet wird, damit es sich nicht quälen muss. In der Neonatologie ist jeder Fall ein Einzelfall und die endgültige Entscheidung über das Leben der Kinder, liegt bei den Eltern.[3][4] Wie können sie wissen, was das Beste ist? Wir gehen davon aus, dass Leben immer besser als Sterben ist und dass jeder Mensch von Natur aus erstmal leben möchte. Vielleicht ist es aber in einigen Fällen auch genau andersherum und der Tod kann als Erleichterung für das Kind gesehen werden.

Bei ethisch so schwierigen Fragen, die Leben und Tod betreffen, gibt es meiner Meinung nach kein Richtig und Falsch, es gibt einfach nur verschiedene Möglichkeiten, die alle ihre Berechtigung haben und alle gleich „richtig“ und gleich „falsch“ sind. Es macht auch keinen Unterschied, ob es sich um ein Frühchen, ein Kind, einen Jugendlichen, Erwachsenen oder älteren Menschen handelt. Wenn es um Leben und Tod geht, ist jedes Leben gleichermaßen wertvoll.

Verfasst von Johanna Sietz


[1]Rellensmann, Georg: Intensivtherapie von extrem unreifen Frühgeborenen – moralische Konflikte und Lösungswege (11.10.2008) über https://www.uni-muenster.de/imperia/md/content/bioethik/neonatologie/rellensmann.pdf

[2]Perske, Jörn: 21-Wochen-Frühchen Frieda ist putzmunter vom 01.03.2014 auf „welt.de“ über https://www.welt.de/gesundheit/article125324846/21-Wochen-Fruehchen-Frieda-ist-putzmunter.html

[3]Bührer, Christoph (Herausgeber) (1998,2019 überarbeitet): Gemeinsame Empfehlung der Deutschen Gesellschaft für Gynäkologie und Geburtshilfe, Deutschen Gesellschaft für Kinder- und Jugendmedizin, Deutschen Gesellschaft für Perinatale Medizin, Akademie für Ethik in der Medizin, Gesellschaft für Neonatologie und Pädiatrische Intensivmedizinunter Mitwirkung des Deutschen Hebammenverbandes und des Bundesverbandes „Das frühgeborene Kind“ veröffentlicht von AWMF online über https://www.awmf.org/uploads/tx_szleitlinien/024-019l_S2k_Fr%C3%BChgeburt_Grenze_Lebensf%C3%A4higkeit_2014-09-abgelaufen.pdf

[4]Oehmke, Frank; Ehrhardt, Harald (2017): Grenzbereiche in der Neonatologie: Komplexe Entscheidungen, Deutsches Ärzteblatt 2017; 114(42): A-1922 / B-1628 / C-1594, online über: https://www.aerzteblatt.de/archiv/194061

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