Neonatologie: Ein schwieriger Start, nicht nur für die Kinder

Piepsende Monitore, Schläuche, Kästen, dazwischen ein kleiner Mensch. Gerade so groß wie eine Erwachsenenhand: Jede zehnte Schwangerschaft endet in einer Frühgeburt. Was brauchen die Kinder und  Angehörigen, um eine Zeit voller Ungewissheit, medizinischer Eingriffe, Neudiagnosen etc zu überstehen? Eine gute psychosoziale Elternarbeit! War es vor 50 Jahren noch Standard, aus Infektionsgründen Frühgeborene von ihren Eltern zu isolieren, werden heute mit entwickelten Leitlinien und Konzepten wie „Känguruhing“ den Eltern eine 24h-Betreuung ihrer Kinder ermöglicht. Doch das genügt nicht. Mehr als die Hälfte aller Mütter von Frühgeborenen zeigen bei der Entlassung traumatische Symptome, zwei Jahre nach der Geburt sind es noch 14 % der Mütter[1].

Kuscheln und Kabel als Therapie

Studien haben ergeben, dass sich eine positive Eltern-Kind-Beziehung auf der Neonatologie teils sogar besser auf die gesundheitliche Entwicklung des Kindes auswirkt, als die ursprünglichen biologischen Gegebenheiten zur Geburt[2]. Das bereits erwähnte „Känguhuring“ ist dabei eine mittlerweile verbreitete Methode, trotz Intensivüberwachung in direktem Kontakt mit seinem Kind zu kommen: den Eltern wird das Bündel Leben auf die nackte Brust gelegt. Augenblicklich lassen sich hier über Sauerstoff- und Atemüberwachung Verbesserungen im Wohlbefinden des Kindes feststellen. Sie spüren den Herzschlag und die Atmung ihrer Eltern – Geräusche und Gefühle ähnlich dem geschützten Raum der Gebärmutter empfunden. Die Känguru-Methode ist im Alltag auf Frühchenstationen nicht mehr wegzudenken, aber es reicht nicht, die Eltern über diese Möglichkeit zu informieren. Besonders was die weitere Therapie angeht, so muss es auch im Interesse von Kindheitswissenschaftler*innen sein, in Bezug auf Kindergesundheit eine gute Eltern-Kind-Beziehung breiter zu ermöglichen und zu fördern. Auf anderen Kinderstationen ist eine Betreuung von pädagogischem und psychologischem Personal oft nicht mehr wegzudenken – aber auf der Neonatologie? Die Schwierigkeit liegt darin, die hoch-technische  Station, auf der oft innerhalb von Minuten über den weiteren Therapieverlauf entschieden werden muss, als Ort von Sozialer Arbeit zu sehen. Doch für viele Eltern ist die Station ein „zuhause auf Zeit“. Sie kennen das Personal, die anderen Eltern und Schicksale. Und doch wissen sie nicht, was der nächste Tag oder die nächste Nacht für die Gesundheit ihres Kindes bedeutet.

„Es ist wie im Film. Es ist kein guter Film.“

Eltern befinden sich in der Zeit auf der Neonatologie oft in schockähnlichen Ausnahmezuständen. Zwar liegt es hauptsächlich bei dem Pflege- und Arztpersonal, familienzentriert mit den Eltern am Kind zu arbeiten. Doch Möglichkeiten zum Informations- und Gedankenaustausch können am besten über Einzel- oder auch Gruppengespräche von dafür ausgebildeten Fachkräften stattfinden.  Manche Geburtskliniken bieten solche Settings nicht erst nach der Geburt, sondern schon in der Schwangerschaft an. Den Eltern können hier Ängste genommen werden. Sie sind auch dann nicht allein, wenn sie schwierige Entscheidungen treffen müssen: weitere Operationen, weitere Therapie, oder vielleicht sogar Therapieabbruch? Große Perinatalzentren zeichnen sich also nicht nur durch eine hohe medizinische Versorgung, sondern auch über die Angebote von psychosozialer Elternberatung, Information, Anleitung, Entlastung und Begleitung aus. Oft sind es spezialisierte Kinderkrankenpflegekräfte, aber auch Sozialarbeiter*innen und Seelsorger*innen können als Elternberater*innen tätig sein. Neben der Versorgung ihrer Kinder bedarf es besonders bei Entlassung, auch im Falle einer Entlassung nach dem das Kind verstarb, einer Betreuung. So ist es immernoch ein Tabu, über verstorbene Kinder in der Öffentlichkeit zu sprechen, geschweige denn offen als Eltern damit umzugehen, im Sinne ihres Kindes sich gegen weitere lebenserhaltende Maßnahmen entschieden zu haben. Ein Aspekt der Trauerbegleitung ist, dass Frühchen in den seltenen Fällen das häusliche Umfeld mit weiteren Angehörigen kennenlernen – somit ist es für die Eltern im Trauerfall ähnlich der Situation, das Kind hätte nie existiert, da es nie zuhause oder nie im Kontakt mit der weiteren Familie war. Beginnt man, sich mit den mittlerweile zahlreichen Empfehlungen und Leitfäden auseinanderzusetzen, werden weitere spannende Aspekte in der Elternberatung bzw. –begleitung bekannt. Einig sind sich alle in einem: Neben dem Fokus auf medizinischer Höchstversorgung ist eine gute Eltern-Kind-Bindung für eine bestmögliche Genesung des Kindes unabdingbar.

Verfasst von Annemarie


[1]Jotzo, M. & Schmitz, B. (2001). Eltern Frühgeborener in den ersten Wochen nach der Geburt: Eine Prozess-Studie von Belastung, Bewältigung und Befinden. Psychologie in Erziehung und Unterricht, 48, 81-97.

[2] STENING, WALTRAUD. 1997. Die Känguruh-Methode (Haut-zu-Haut-Kontakt) bei frühgeborenen Kindern. Kinderkrankenschwester, 16(8), 308-310 über Bundesverband “Das frühgeborene Kind”:Frühgeborene, Zeitschrift Nr. 3 vom 15.09.2012, S. 13 ff. über: https://www.fruehgeborene.de/sites/default/files/field_pblctn_file/vz_3-2012_web.pdf

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