Erpressung, Vergewaltigung und Mord – Wie konnte es soweit kommen?

Überlegungen im Anschluss an den Roman „Nichts- was im Leben wichtig ist“ von Janne Teller.

Wie weit würdest du gehen?

Von einem moralisch guten Menschenbild ausgehend traut man nur den wenigsten zu, dass diese gegen die allgemeinen Prinzipien grausame Taten vollbringen. Vor allem von Kindern, denen mancher Ansicht die Unschuld als Wesensmerkmal zugeschrieben ist, erwartet man so etwas nicht. Besonders besorgniserregend ist die Tatsache, wie viel Macht eine Gruppe auf Individuen haben und zu welchen Ausmaßen dies führen kann.

In dem Roman „Nichts – was im Leben wichtig ist“ von Janne Teller geht es um eine Gruppe von Jugendlichen, die für ihre Überzeugung alle Prinzipien hinter sich lassen und sogar über Leichen gehen. Schockiert von der Aussage eines Mitschülers: „Nichts bedeutet etwas“, sammelt die siebente Klasse Gegenstände auf einem „Berg von Bedeutung“ an, um Pierre Anthon und sich selbst zu beweisen, dass etwas von Bedeutung ist.

Die Gruppe fängt an, sich stark von den anderen abzugrenzen, ordnet alles der übergeordneten Idee unter und ist allein mit ihrer Suche nach (wahrer) Bedeutung. Nach einer Weile entsteht in der Gemeinschaft eine eigene Dynamik, in der sich die Schüler*innen gegenseitig motivieren aber auch kontrollieren und bei Zuwiderhandlungen bestrafen. Die Situation eskaliert in einer Spirale aus Hass und Wut und es kommt zu Erpressung, Gewalt, Vergewaltigung und Mord.

Daraufhin habe ich mir die Frage gestellt: „Wie konnte es soweit kommen“ und als mögliche Antwort entdeckte ich in meiner weiteren Recherche das Phänomen der Gruppendynamik.

Auch ergaben sich im Seminar der Hochschule die Fragen: „Wer hat hier versagt“ und „Was hätte anders gemacht werden können“? Sind es die Eltern, die Lehrer oder doch nur die Schüler selbst?

Wahrscheinlich wäre es nicht soweit gekommen, wenn die Erwachsenen die Problematik erkannt und ernst genommen hätten. Ein Anfang wäre gewesen, dem jungen Pierre Anthon nach dem merkwürdigen Abgang aus der Klasse nachzugehen und das „Dilemma“ in der gesamten Klasse zu thematisieren. Stattdessen wurde Pierre Anthon ignoriert und dessen Abwesenheit akzeptiert.

Das Bedürfnis der Kinder nach einer Klärung von Sinnhaftigkeit, Zukunft und eigener Identität allgemein, wird in der Gesellschaft nicht in dem Maße erfüllt, was jeden dazu drängt selbst für sich herauszufinden zu müssen was für ihn/sie von Bedeutung ist.

Gruppendynamik – ein psychologisches Phänomen

Die Gruppendynamik beschäftigt sich größtenteils mit den Kräften, die in einer Gruppe entstehen und von Gruppen auf deren Mitglieder ausgeübt werden (Lewin 1939).

Diese Gruppendynamik kann verschiedene Formen annehmen. Wer kennt das nicht, dass man sich mal einer Gruppe zuliebe verstellt oder angepasst hat, um dazuzugehören, oder dass gute Gefühl gemeinsam etwas zu erreichen und dabei auf Unterstützung zählen zu können. Jedoch kann die Dynamik einer Gruppe unter bestimmten Bedingungen schnell ungeahnte Ausmaße annehmen. Folgen können Gruppendruck, Gruppenzwang und Manipulation sein.

Durch das interessante Konformitätsexperiment zum Thema Gruppendruck (psychologische Fachsprache: Konformitätsdruck) wurde Salomon Asch in den 1950er Jahren bekannt. In dem Experiment gaben alle untersuchten Probanden in einer gestellten Befragung mindestens einmal eine offensichtlich falsche Antwort, um sich der Gruppe anzupassen. Dabei war die Befragung sehr einfach, die Probanden sollten entscheiden welche der Vergleichslinien (1,2 oder 3) optisch die gleiche Länge wie die gezeigte Standartlinie besitzt und ihre Entscheidung der Gruppe mitteilen.

In der Erforschung von Gruppendynamiken stellte man außerdem fest, je größer die Gruppe ist, desto schwieriger ist es sich dem Gruppendruck zu entziehen.

(www.bpb.de/lernen/grafstat/klassencheckup/46346/info-02-02-konformitaetsexperiment-nach-asch-1951)

„Durch Druck verlieren die Menschen ihren Willen und die Umgebung übernimmt die Kontrolle über ihre Persönlichkeit“ (vgl. Kurt Lewin und Edward L. Bernays)

Link Youtube Video Gruppenzwang und Bezug Nationalsozialismus: https://youtu.be/AFN57aY9d18

Kindheitswissenschaft

Auch in der angewandten Kindheitswissenschaft spielen die Begriffe Macht, Gruppenzwang und Einfluss eine Rolle. Macht beispielsweise steht konstant im Fokus dieser Disziplin, da sie auf hierarchischen Verhältnissen basiert, unter denen Kinder oft stehen und diesbezüglich ausgeschlossen werden. Kindheitswissenschaftler*innen müssen solche Machtstrukturen erkennen und analysieren, wenn sie zu einer Benachteiligung verletzlicher Menschengruppen führen.

Fast jede*r hat den Satz „Kinder können so grausam sein“ schonmal gehört, was ganz im Gegensatz zum unschuldigen Kindbild steht. Das Thema wurde vor kurzem im Seminar Soziologie der Kindheit unter der Überschrift „Glorifizierung und Unschuld“ behandelt. Weitere kindheitsrelevante Themen zur Gruppendynamik sind Mobbing uns Ausgrenzung.

Verfasst von Katja


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