Mobbing ist kein individuelles Problem, sondern ein strukturelles Gruppenphänomen

Besonders im Kindes- und Jugendalter ist Mobbing ein präsentes Phänomen, dass sich als verdeckter und komplexer Prozess entwickelt. Dieser kann schwerwiegende Folgen für die Kinder und Jugendliche nach sich ziehen, so kann es sich körperlich auf diese auswirken als auch negativ auf ihr Wohlbefinden. Von Schulangst bis hin zu Beeinträchtigungen der Leistungsfähigkeit oder gar psychosomatische Beschwerden können aufgrund des Mobbings resultieren. Gerade im Kontext Schule verlaufen Mobbingprozesse häufig verdeckt, was auch in dem Buch „Tanz der Tiefseequalle“ von Stefanie Höfler gut dargestellt wird. Dort geht es um Niko und Sera, die unterschiedlicher nicht sein könnten. Niko ist ein vierzehnjähriger Junge, der aufgrund seines starken Übergewichtes von seinen Mitschüler*innen schikaniert und ausgrenzt wird. Sera hingegen ist sehr hübsch und gehört zu den beliebtesten Mädchen in ihrer Klasse. Als Marko, Anführer der Klasse, Sera gegenüber zu aufdringlich wird, rettet Niko Sera vor einer Grapschattacke. Nikos Einschreiten und Seras Abweisung veranlassen Marko dazu wilde Gerüchte über Sera zu erzählen. Beginnend animiert Marko, in seiner Position als Meinungsführer der Klasse, seine Mitschüler*innen über Niko und Sera zu tuscheln und sie mit bösen Blicken zu strafen. Gefolgt von beleidigenden Aussagen Niko und Sera gegenüber und durch absolute Ignoranz bei Anwesenheit der beiden spitzt sich dieser Prozess im Laufe des Buches immer weiter zu. Durch Imitieren von Markos Handlungsweisen werden diese Mitschüler*innen zu Mittäter*innen. Nichteinschreiten der zuschauenden Mitschüler*innen bestärkt Marko in seinem mobbenden Verhalten, welches die totale Ausgrenzung von Sera und Niko zur Folge hat.

In diesem Zusammenhang haben wir uns mit der Gruppendynamik beim Mobbingprozess in Schulen näher beschäftigt. Mobbing ist ein soziales Gruppenphänomen, denn alle Mitglieder sind auf verschiedene Weise beteiligt. Die Mobbingstruktur bilden dabei nicht nur Täter*in und Opfer, es sind hierbei noch weitere Rollen in der Klasse zu betrachten: die Mittäter*innen und die Zuschauer*innen.

Die Beteiligten

Opfer
Untersuchungen zeigen, dass Kinder und Jugendliche häufiger vom Mobbing betroffen sind, wenn diese starke Minderwertigkeitsgefühle besitzen und sich unsicher und ängstlich zeigen. Oftmals nehmen sich die Opfer selbst verstärkt als Versager*innen wahr und empfinden ihre Äußerlichkeiten als unattraktiv (vgl. Olweus 2002, S. 42ff.). Weitere Gründe sind zum Beispiel die sexuelle Orientierung, die Herkunft und die Religion oder eine Behinderung des Opfers.

Haupttäter*innen
Die sogenannten Haupttäter*innen suchen sich das Opfer aus und beginnen den Mobbingprozess. Die geltenden Meinungsführer zeigen eine akzeptierende Einstellung zur Gewalt, verhalten sich impulsiv und verspüren ein verstärktes Bedürfnis nach Machtausübung. Zudem zeigen sie ein geringes Mitgefühl gegenüber ihren Opfern und besitzen ein starkes Selbstwertgefühl (vgl. Olweus 2002, S. 42ff.).

Mittäter*innen
Um dem Haupttäter/der Haupttäterin zu gefallen und an deren Macht teilhaben zu können, versuchen die Mittäter*innen die Handlungen des Anführers/der Anführerin nachzuahmen.

Zuschauer*innen

Diese Personen beobachten den Mobbingprozess, ohne einzugreifen, entweder mit Freude, z.B. gemeinsames Amüsieren mit dem Täter/der Täterin oder mit Schrecken. Zuschauer*innen, die das Mobbing ängstlich beobachten, haben Mitleid mit dem Opfer und Angst selbst das Opfer zu werden.

Gruppendynamik

Betrachtet man die Dynamik innerhalb einer Gruppe, herrscht beim Mobbing ein Ungleichgewicht der Kräfte zwischen Täter*in und Opfer. Dabei sind die

Täter*innen meist integriert, sozial kompetent und haben großen Einfluss auf die Klasse. Welche Schritte auch immer das Opfer unternimmt um seine/ihre Situation zu verbessern, Täter*innen entscheiden, ob das Opfer wieder ein Teil der Gruppe wird, wenn dort nicht interveniert wird. Teil dieser Gruppendynamik sind sowohl die Mittäter*innen, die animiert werden das Opfer zu schikanieren, als auch die Zuschauer*innen, die die Mobbingattacken tolerieren. Beides deutet der Täter/die Täterin als Billigung.

Handlungsdynamik

Das Ziel des Täters/der Täterin ist es vorsätzlich dem Opfer Schaden zuzufügen und sein Ansehen herabzusetzen. Dem Täter/der Täterin ist es nicht zwangsläufig bewusst, welche Bedeutung ihr Handeln nach sich zieht. Dabei kann das Leiden der Opfer als Verstärker beim Täter/der Täterin empfunden werden und ruft somit bei ihm/ihr Überlegenheits- und Machtgefühle hervor. Das Opfer wird systematisch oft und über einen längeren Zeitraum hinweg direkt oder indirekt angegriffen und empfindet dies als feindselig. Angriffe können sich schleichend entwickeln und in Wellenbewegungen verlaufen, so entsteht immer wieder die Hoffnung auf Besserung für das Opfer.

Teufelskreis

In der Regel führen Übergriffe von Haupt- und Mittäter*innen zu einer mehr oder weniger umfangreichen sozialen Isolation des Opfers. Daraufhin verändert das Opfer die Persönlichkeit und sein Verhalten. Stresssymptome, Ängste und schwindendes Selbstvertrauen erschweren seinen/ihren normalen sozialen Kontakt. Es entsteht ein Teufelskreis aus Übergriffen und Stresssymptomen des Opfers, die nach und nach das neutrale Umfeld davon überzeugen, dass das Opfer selber „Schuld“ an seiner Isolation ist, was als soziale Stigmatisierung bezeichnet wird.

Schluss damit

Mobbing ist also ein Prozess, an dem die ganze Gruppe insgesamt in unterschiedlichen Rollen beteiligt ist. Somit kann es auch nur mit der Gruppe endgültig aufgelöst werden. Es ist daher notwendig schon vorzubeugen, bevor es zu Schikane und Gewaltausübungen kommt. Dem allgemeinen Schulklima kommt dabei eine entscheidende Rolle zu, daher sollten präventiv Angebote gestaltet werden, die zum konstruktiven Umgang mit Konflikten und zur Förderung der Kommunikationsfähigkeit geeignet sind. Eine offene Kommunikation und die gemeinsame Verständigung über Lösungen ermöglichen ein friedliches Miteinander.

Die Gruppendynamik und die beteiligten Personen und deren Rollen im Mobbingprozess sind in dem Buch „Tanz der Tiefseequalle“ gut erkennbar. Man erhält einen tieferen Einblick in die Gefühlswelt der von Mobbing betroffenen Personen und es wird deutlich, dass es allein nur schwer möglich ist ohne Unterstützung aus diesem Teufelskreis wieder herauszukommen.

Verfasst von Anika und Jennifer


Quellen:

Bundeszentrale für politische Bildung Website (2019 überarbeitet): M 02.07. Die Rolle der Mitläufer und Zuschauer beim Mobbing. Verfügbar unter: https://www.bpb.de/lernen/grafstat/mobbing/46561/m-02-07-die-rolle-der-mitlaeufer-und-zuschauer. Zuletzt aufgerufen am: 06.08.2019.

Dümmler, Kerstin; Melzer, Wolfgang (2009): Gewalt in der Schule – Untersuchungen zu Schikane und Mobbing mit den Daten der aktuellen HBSC-Studie. In: Helsper, Werner et al. (Hrsg.): Schule und Bildung im Wandel. Anthologie historischer und aktueller Perspektiven. Wiesbaden: VS Verlag für Sozialwissenschaften. 1. Auflage. S.171-185.

Olweus, Dan (2002): Gewalt in der Schule. Was Lehrer und Eltern wissen sollten – und tun können. 3. Auflage. Bern: Huber Verlag. S. 42ff.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.