Nicht-invasive pränatale Bluttests – eine Diagnostikmethode für Privilegierte?

„Es kann auch ein Auto kommen und die Kinder anfahren und dann sind sie behindert“

Ein Kommentar unter einem YouTube Video über pränatale Diagnostikmethoden und dessen ethische Bedenken war es, das mich stutzig machte. Eine klare, direkte Aussage, die mich im ersten Moment etwas irritierte. Ist das nicht ein komplexes, umfangreiches Thema, welches von vielen Seiten beleuchtet werden muss? Bei dem sowohl Pro als auch -Contra Argumente genannt und miteinander verglichen werden müssen?

Wissentlich für das Unwissen entscheiden

Bei der vorgeburtlichen Untersuchung der Mutter wird das Ungeborene auf eventuelle Krankheiten untersucht. Das Argument der werdenden Eltern ist oft, dass sie sich auf ein Leben mit einem behinderten Kind einstellen möchten und deswegen im Voraus wissen wollen, ob sie dazu finanziell und emotional in der Lage wären. Meine Mutter wurde bei ihrem vierten Kind und meinem kleinen Bruder gefragt, ob sie eine derartige Untersuchung will. Da sie mit 39 Jahren schwanger war, wurde ihr erklärt, dass ein gewisses Risiko für Komplikationen in der Schwangerschaft besteht und die Wahrscheinlichkeit höher ist, dass ihr Kind mit einer Beeinträchtigung zur Welt kommt. Eine Schwangerschaft ab 35 wird nämlich als Risikoschwangerschaft aufgrund des Alters gesehen. [1] Sie wollte den Test nicht machen lassen. Als ich sie fragte warum, hat sie mir gesagt, dass sie einfach davon ausging, dass ihre Schwangerschaft wie die restlichen drei gut verlaufen würde. Sie hat sich für ihre Unkenntnis über den gesundheitlichen Zustand ihres Kindes also bewusst entschieden und sich gegen eine pränatale nicht-invasive Untersuchung ausgesprochen.

Entscheidung mit Abhängigkeit von der finanziellen Individualsituation

Momentan werden die Nicht-Invasiven Bluttests von der Krankenkasse nur in Ausnahmefällen übernommen. Bis zu 1000 Euro können diese Tests kosten, die von den werdenden Eltern selbst übernommen werden müssen. Doch ist damit das Recht auf Nichtwissen ein Privileg oder ein erzwungenes Los, das den Eltern mit weniger finanziellen Kapazitäten auferlegt wird? Die Frage hierbei ist nicht, wie mit der jeweiligen Situation und Diagnose umgegangen wird, sondern ob die Eltern mit mehr Geld damit in gewisser Weise mehr Recht auf ein gesundes Kind bzw. Wissen über dessen Gesundheitszustandes haben als ärmere Familien.

PND: nicht nur eine Frage der ethischen Bedenken

Natürlich kann ein Kind auch durch einen Unfall behindert werden oder lebenslange körperliche Folgen davon haben. Auch hier ist die Versorgung und medizinische Weiterbehandlung an die geldlichen Mittel der Familie geknüpft.  Ob und inwiefern eine staatliche Unterstützung stattfinden sollte, ist also nicht nur eine ethische Frage nach der Wertigkeit eines Lebens mit Beeinträchtigung. Auch spielt hier mit, dass Menschen und Familien aller Sozialschichten dieselben Möglichkeiten und Rechte auf Wissen und Hilfe, unabhängig von deren finanzieller Situation, haben sollten.
Aus kindheitswissenschaftlicher Sicht sollte sowohl bei dem Wohl des ungeborenen Kindes als auch bei dem Wohlergehen der gesamten Familie bestmögliche Netzwerkarbeit zwischen den verschiedenen Institutionen der Gesundheit und der finanziellen Hilfe hergestellt werden. Auch sollte eine pädagogische Beratung in jedem Fall garantiert sein, sodass auch eine psychische Entlastung möglich gemacht wird.

Verfasst von Linda


[1]Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung, o.V., 26.04.2019: Genetische Bluttests auf Chromosomen-Abweichungen, in: https://www.familienplanung.de/schwangerschaft/praenataldiagnostik/bluttests-auf-trisomien/, zuletzt: 16.07.2019.

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