Adipositas im Jugendalter – Die Frage nach der Schuld

Der gesellschaftliche Diskurs bietet viele Aussagen. „Die sind doch selber schuld!“, „Sie haben sich nicht im Griff!“ oder „Sie müssen einfach nur mal Sport machen!“. Gene oder Krankheiten werden bei der Frage warum sich ein Teenager im Übergewicht befindet, völlig außer Acht gelassen. Sie seien alle samt „selber schuld“.

Im folgenden Blogeintrag möchten wir auf die Sicht der Gesellschaft aufmerksam machen und zum Überdenken anregen, da übergewichtige Jugendliche leider immer noch sehr mit sozialen Ausgrenzungen, Beleidigungen und Schuldzuweisungen zu kämpfen haben.

Doch uns stellt sich auch die Frage, wer hat denn überhaupt Schuld und gibt es in der Frage nach dem Übergewicht überhaupt einen Schuldigen, oder fassen wir etwas als „normal“ auf, nur weil die Mehrheit der Gesellschaft nicht übergewichtig ist?

Und wenn nicht die Jugendlichen schuld an Ihrem Übergewicht haben, ab wann beginnt denn die Eigenverantwortlichkeit?

Gibt es einen zeitlichen Rahmen in dem „man“ die Erziehungsberechtigten die Schuld zuweisen kann und einen zeitlichen Rahmen in dem man sagen kann „nun ist der Jugendliche erwachsen“, er hat nun „selber schuld“ an seiner körperlichen und seelischen Verfassung?

Ressourcen und Resilienz

Stellt man sich nun einmal ein Kind vor was in einem Elternhaus groß wird, in dem Mutter und Vater selbst übergewichtig sind. Also gesellschaftlich gesehen, „ihre Ernährung nicht im Griff haben“ und die sportliche Betätigung ebenfalls nicht.

Sie haben keinen Bezug zu einer gesunden, nicht zu Übergewicht führenden Lebensweise. Sie wachsen mit den Familientraditionen der Eltern auf, übernehmen die Essens- und Verhaltensmuster. Selbst wenn im Kindergarten oder in der Schule ein gesundes Frühstück oder ein gesundes Mittagessen serviert wird, kann niemand kontrollieren was das Kind zuhause isst oder trinkt. „Bewegungstage“ und „Wochen der gesunden Ernährung“ sollen Kindern in Bildungs- und Betreuungseinrichtungen das nötige Know-how an die Hand geben, um selbstständig „gute“ Entscheidungen in Bezug auf Gesundheit treffen zu können. Doch die Eltern werden dabei meistens außen vor gelassen. Was bringt es dem Kind zu wissen, dass eine Gemüsepfanne mit Reis eventuell eine bessere Wahl wäre als eine Tiefkühlpizza und Cola, wenn die Mutter erst Spätabends von der Arbeit kommt und keine Zeit mehr hat etwas zuzubereiten? Wenn das Kind keinerlei Ressourcen hat sich sein Essen selbst einzukaufen, selbst zu zubereiten? Und selbst wenn es das hätte, vielleicht schon etwas älter ist, sich den Familientraditionen des Essens zu entziehen und Omas traurigen Fragen zu ertragen, ob denn ihr Essen nicht mehr schmecken würde? Ernährung ist viel mehr als nur das Wissen darüber was gesund ist. Die sozialen Gegebenheiten müssen genauso stimmen wie die Möglichkeiten. Bei dem Sport ist es eine ähnliche Angelegenheit. Wie soll das Kind zum Fußballtraining kommen, wenn keiner es fährt, die finanziellen Mittel fehlen oder es sein ganzes Leben lang gelernt hat, dass die Freizeit vor dem Fernseher verbracht wird?

Wir müssen aufhören Kinder und ihre Familien für ihr Übergewicht zu verurteilen und damit anfangen Ressourcen zu stärken. Natürlich ist keine Aufklärung auch kein Weg, aber wir müssen damit anfangen die ganze Familie mit einzubeziehen und das auf einem Weg, der niemanden an den Pranger stellt.

Die Vorurteile über Kinder und Erwachsene mit Adipositas reichen wie oben schon angedeutet, sehr weit. Von „die sind einfach nur Faul“ bis hin zu „die essen bestimmt immer nur Fastfood“ ist alles dabei. Zu selten wird in Betracht gezogen, was eventuell dahinter stecken könnte.

Fehlen der Familie die finanziellen Mittel, die Zeit, die Kraft für eine gesunde Lebensweise? Besonders weitreichend sind die Folgen bei Teenagern. Geht die Gesellschaft bei Kindern noch oft davon aus, die könnten ja noch nichts für ihr eigenes Gewicht, wird ab einem gewissen Punkt die Schuld alleine auf das Individuum übertragen. „Der ist doch alt genug, dass er alleine was ändern könnte“, aber wie bereits erklärt ist das nicht so einfach. Ab welchem Alter ist denn ein Mensch selbst für sein Aussehen verantwortlich?

Auch unsere Einstellung zu dem Thema sollte sich ändern. Nur weil jemand mehr wiegt als wir es eventuell für richtig empfinden, bedeutet das doch noch lange nicht das dieser Mensch ein schlechtes Leben führt und sich ständig nur denkt „Ich bin zu dick, wie kann ich was dagegen tun?“ Vielleicht hat dieser Mensch gerade ganz andere Sorgen oder andere Freuden. Vielleicht spielt er oder sie lieber Schach, anstatt Fußball, liest lieber Bücher als schwimmen zu gehen, stört sich an seinem Gewicht nicht halb so viel wie die Gesellschaft? Nur mit einer notwendigen Sensibilität und einer Aufklärung, die mehr als nur die Ernährungspyramide beinhaltet, können Familien und damit auch ihre Kinder eine gesündere Lebensweise erlernen und umsetzen.

Abschließend ist uns ein Zitat aus dem Roman „Der Tanz der Tiefseequalle“ im Gedächtnis geblieben.

„Es ist nicht so wahnsinnig witzig, fett zu sein, da hast du schon recht. Im Gegenteil, meistens ist es sogar ziemlich unwitzig, ehrlich gesagt. Nur, das heißt nicht, dass deshalb alles andere auch unwitzig ist, weißt du. Oder dass man nichts auf der Welt witzig finden kann.“

Wir sind abschließend zu dem Entschluss gekommen, dass der Roman eine gute Pflichtlektüre für Schüler im Unterricht wäre. Man lernt viel über Mobbing und das Empfinden von Menschen, die nicht dem Gesellschaftsbild entsprechen.

Verfasst von Sophia und Anna


Quelle:

Stefanie Höfler (2018): Tanz der Tiefseequalle, Gulliver in der Verlagsgruppe Beltz, Weinheim, S. 80

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