Der Mensch oder das System?

Jede und Jeder kennt die futuristischen Darstellungen von einem Designer-Baby: Sich seine Nachkommen so „zusammen basteln“ zu können, wie man es gerne hätte und am Besten so, dass sie in allen Bereichen des Lebens überdurchschnittlich gut abschneiden.

Ich persönlich finde diese Vorstellung sehr erschreckend und bin sehr dankbar für meine individuellen Merkmale, auch wenn diese teilweise defizitär sind. Aber nur so unterscheide ich mich von Anderen.

Und das ist doch eben auch das, was Menschen ausmacht: Nicht perfekt zu sein. Wird einem nicht genau das genommen, wenn von Geburt an versucht wurde, den Menschen zu einem „idealen Menschen“ zu machen?

Müsste nicht vermehrt darüber diskutiert werden, wie gesellschaftliche und soziale Strukturen so verändert werden können, dass es zu keiner Benachteiligung in der Gesellschaft kommt anstatt den Menschen selbst verändern zu wollen?

Meiner Ansicht nach sollte es nicht die Aufgabe der Reproduktionsmedizin sein, ungeborene Menschen auf eine Beeinträchtigung zu untersuchen, sondern müssten die sozialen und gesellschaftlichen Strukturen jedes Paar so auffangen, dass die Geburt eines Kindes mit Beeinträchtigung keine Hindernisse im weiteren Leben mit sich bringt.

Aber zu welchem Zweck gibt es die Reproduktionsmedizin überhaupt und wen betrifft sie?

Der Wunsch nach einem eigenen Kind und das (eigentliche) Ziel der Reproduktionsmedizin

Ungewollte Kinderlosigkeit ist ein Phänomen, das 6 Millionen Deutsche zwischen 25 und 59 Jahren betrifft[1]. Dem Wunsch, Kinder zu kriegen, kommen etliche Ursachen für Unfruchtbarkeit in die Quere: neben biologischen Gegebenheiten wie einem fortgeschrittenen Alter, hormonellen Störungen und organischen oder genetischen Defekten spielen auch äußere Faktoren eine bedeutende Rolle. Drogenkonsum, darin eingeschlossen Alkohol- und Nikotinkonsum, und Übergewicht können ebenfalls Auslöser von Unfruchtbarkeit sein[2].

Man gilt als unfruchtbar, wenn es nach 2 Jahren bei regelmäßigen und unverhüteten Geschlechtsverkehr nicht zu einer Schwangerschaft kommt[3].

Während einige Paare kein Leben mit Kindern anstreben, leiden andere unter immensem Druck keine Kinder austragen zu können. Der Wunsch nach eigenen Kindern und der gesellschaftliche Druck eigene Kinder zu bekommen, können so stark sein, dass  Betroffene psychisch erkranken[4]. Um eben solchen Paaren zu Kindern zu verhelfen, wurden zahlreiche Verfahren ausgearbeitet und ein neuer Fachbereich der Medizin entstand: die Reproduktionsmedizin.

Die Schattenseiten der Verfahren

Doch ein Allheilmittel für alle kinderlosen Paare ist die Reproduktionsmedizin sicherlich nicht. Auch hier verstecken sich eine Reihe an tückischen Hindernissen, beginnend bei der Finanzierung.

Die Kosten einer In- vitro- Fertilisation, also die künstliche Befruchtung der Eizelle, belaufen sich auf ca. 3.000 €. Hinzu kommen die Kosten für die vorher durchgeführte Hormonbehandlung, die bis 300 bis zu 500 € betragen[5]. Zwar gibt es die Möglichkeit einer Kostenübernahme zu 50 % über die Krankenkasse, dies betrifft jedoch nur Paare, bei denen

1. die Frau nicht älter als 40 Jahre,

2. der Mann nicht älter als 50 Jahre und

3. beide Partner mindestens 25 Jahre alt sind. Zusätzlich muss

4. das Paar verheiratet sein und

5. müssen die Ei- und Samenzellen vom Paar selbst abstammen.

Sollte es nach dem dritten Versuch nicht zu einer Schwangerschaft kommen, werden weitere Versuche nicht mehr von der Krankenkasse mitfinanziert[6].

Neben der starken finanziellen Belastung gehen auch psychische und physische Belastungen mit den Verfahren der Reproduktionsmedizin einher. 2010 waren lediglich 29,3% der künstlichen Befruchtungen erfolgreich[7], was bei einem Misserfolg für das Paar erneute Niederlage und Enttäuschung bedeutet.

Ein langer Weg

Immer deutlicher wird, dass die Reproduktionsmedizin eine Nische gefunden hat, in der Paare nicht von den gesellschaftlichen Strukturen aufgefangen werden.

Ein Beispiel für die Schwierigkeiten der Reproduktionsmedizin ist die In- vitro- Fertilisation, die durch die oben aufgeführten rechtlichen, aber auch monetären Kriterien nur für einen geringen Teil der kinderlosen Paare überhaupt in Betracht kommt. Kommen dann noch Aspekte wie gesundheitliche Risiken dazu, scheint mir diese Option eher problematisch und ist bei weitem keine Option für die Gesamtbevölkerung.

Ein weiteres Beispiel dafür ist die Pränataldiagnostik. Pränataldiagnostik wird angeboten, damit untersucht wird, ob das ungeborene Kind eine Beeinträchtigung aufweist oder nicht. Da die Geburt eines Kindes mit Beeinträchtigung mit Unmengen an gesellschaftlichen Konsequenzen einhergeht, angefangen beim Bangen um einen inklusiven Betreuuungsplatz in der Kita, führt die Option, eine Pränataldiagnostik durchführen lassen zu können, gleichzeitig auch zu einem Handlungsdruck. Denn würdest du wirklich riskieren ein Kind zu kriegen, wenn es schon an so grundlegenden Dingen wie einem Kita-Platz mangelt?

Und könnten Verfahren wie diese nicht künftig genau dazu führen, dass Kinder noch vor der Geburt so verändert werden, dass sie bestmöglich dem Bild eines „idealen Menschen“ entsprechen?

Wie wird es weiter gehen?

Ein Lichtblick sind jedoch zahlreiche Debatten, die darüber geführt werden, ob Kinderlosigkeit als Krankheit erfasst werden kann. Diese Überlegung ist entscheidend: Wenn Kinderlosigkeit als Krankheit verstanden wird, dann ist eine künstliche Befruchtung auch mit anderen operativen Verfahren, die der Gesundheit dienen, vergleichbar.

Ich empfinde diesen Schritt als notwendig, um Menschen mit Kinderwunsch Verständnis für ihre Lage entgegen zu bringen und noch entscheidender, um die sozialen Strukturen dahingehend auszurichten, kinderlose Paare in der Gesellschaft besser aufzufangen.

Dennoch bin ich der Meinung, dass die Reproduktionsmedizin einen Rahmen wahren sollte, der nicht in die Eigenschaften der ungeborenen Menschen eingreifen sollte.

Der Wert eines jeden Kindes sollte anerkannt und geschätzt werden, sodass ein „ideales Designer-Baby“ gar nicht erwünscht ist.

Denn ich glaube daran, dass jeder Mensch so geboren werden sollte, wie er ist und gut ist, wie er ist.

Verfasst von Cilia Schmalstieg


[1]Vgl. Blickle, Paul; Klöckner, Lydia(2013): Wenn das Wunschkind ausbleibt. Verfügbar unter: https://www.zeit.de/wissen/gesundheit/2013-03/ungewollt-kinderlos-infografiken (zuletzt zugegriffen am 10.06.2019)

[2]Vgl. Sütterlin, Sabine(2009):Ungewollte Kinderlosigkeit. Verfügbar unter: https://www.berlin-institut.org/online-handbuchdemografie/bevoelkerungsdynamik/auswirkungen/ungewollte-kinderlosigkeit.html (zuletzt zugegriffen am 28.07.2019)

[3]Vgl. Sütterlin, Sabine(2009):Ungewollte Kinderlosigkeit. Verfügbar unter: https://www.berlin-institut.org/online-handbuchdemografie/bevoelkerungsdynamik/auswirkungen/ungewollte-kinderlosigkeit.html (zuletzt zugegriffen am 10.06.2019)

[4]Vgl. Berndt, Christina(2012): Quälende Sehnsucht nach einem Kind. Verfügbar unter: https://www.sueddeutsche.de/gesundheit/psyche-quaelende-sehnsucht-nach-einem-kind-1.1399747 (zuletzt zugegriffen am 28.07.2019)

[5]Vgl. Blickle, Paul; Klöckner, Lydia(2013): Wenn das Wunschkind ausbleibt. Verfügbar unter: https://www.zeit.de/wissen/gesundheit/2013-03/ungewollt-kinderlos-infografiken (zuletzt zugegriffen am 10.06.2019)

[6]Wucherpfennig, Andreas Maria: Kinderwunsch und Krankenkasse. Verfügbar unter: https://rechtsanwalt-wucherpfennig.de/kinderwunschrecht/krankenkasse/ (zuletzt zugegriffen am 28.07.2019)

[7]Vgl. Blickle, Paul; Klöckner, Lydia(2013): Wenn das Wunschkind ausbleibt. Verfügbar unter: https://www.zeit.de/wissen/gesundheit/2013-03/ungewollt-kinderlos-infografiken (zuletzt zugegriffen am 28.07.2019)

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