Geschwister sind die besten Freunde – erzähl mir doch keine Märchen!

Geschwister halten zusammen wie Pech und Schwefel und können aber auch gleichzeitig wie Feuer und Wasser nicht koexistieren. Auch im Märchen ist nicht immer alles „Friede-Freude-Eierkuchen“. Wie sich Geschwisterbeziehungen im Märchen zeigen, soll im Folgenden vorgestellt werden.

Gute und schlechte Geschwisterbeziehungen im Märchen

Geschwister sind in Märchen häufig Thema. Die Beziehungen unter den Geschwistern können dabei sehr unterschiedlich sein. Zum einen gibt es Märchen, in denen die Geschwister ein gutes Verhältnis miteinander haben. Dieses zeichnet sich durch Nähe, Intimität und Verbundenheit aus. Beispiele hierfür sind Brüderchen und Schwesterchen, Schneeweißchen und Rosenrot, Hänsel und Gretel, Die zwölf Brüder und Fundevogel. Zwischen Geschwistern kann aber auch ein schlechtes Verhältnis herrschen, welches von Rivalität, Eifersucht oder Neid geprägt ist. Dies kann vor allem durch Stiefmutter und Stiefgeschwister beeinflusst sein. Märchen hierzu sind Aschenputtel, Frau Holle und Die drei Federn.

Zudem hängt das Verhältnis zwischen den Geschwistern auch immer von den Eltern ab, welche Erziehung genossen wurde und wie sich die Beziehung untereinander in der Kindheit mit der Zeit entwickelt hat. So wurden z.B. Aschenputtels Stiefschwestern ihr selbst immer vorgezogen und besser behandelt. Hinzu kommt, dass Stiefgeschwistern die gemeinsame Vergangenheit fehlt und sie sich von jetzt auf gleich verstehen sollen, obwohl sie sich nicht kennen. Somit ist der Aufbau einer guten Beziehung von Anfang an schwierig.

Beziehungsmuster zwischen Geschwistern

Nach Jürg Frick gibt es fünf Gruppen von verschiedenen Beziehungsmustern, die zwischen Geschwistern bestehen können. Diese lassen sich auch gut mit den bereits genannten Märchen in Verbindung bringen:

INTIMITÄT: Hierbei sind die Geschwister die besten Freunde und sie kennen die innerste Gedanken- und Gefühlswelt der/des jeweils anderen. Hierzu können Hänsel und Gretel, Brüderchen und Schwesterchen, Schneeweißchen und Rosenrot und Fundevogel gezählt werden. Alle Geschwisterpaare verbringen sehr viel Zeit miteinander und stehen somit sehr nah zueinander.

KONGENIALITÄT: Die Geschwister sind zwar gute, aber nicht die besten Freunde. Sie gehen liebevoll miteinander um und unterstützen sich gegenseitig. Dies zeigt sich in Die zwölf Brüder/ Die sechs Schwäne/ Die sieben Raben. Alle Brüder (und ihre Schwester) zeigen eine gewisse Verbundenheit, obwohl sie sich eine lange Zeit nicht gesehen haben oder die Schwester sogar in dem Unwissen darüber aufgewachsen ist, dass sie Brüder hat. Es besteht aber keine besondere Intimität, da der persönliche Kontakt fehlte.

LOYALITÄT: Hier stehen sich die Geschwister weniger nah. Die Beziehung stützt sich auf die familiäre Verantwortung und nicht auf eine persönliche, enge Bindung. Im Märchen Die drei Federn haben die Brüder keine persönliche Bindung. Sie stehen aber in der familiären Verantwortung, dafür zu sorgen, dass der Vater mit der Übernahme des Königreichs zufrieden ist. Aschenputtel ist ihren Schwestern gegenüber nicht feindselig, arbeitet hart und wehrt sich nicht, aus Verantwortung gegenüber ihrem Vater.

GLEICHGÜLTIGKEIT: Die Geschwister sind so gut wie gar nicht mehr aneinander interessiert. Sie zeigen keine Empathie und verhalten sich distanziert. Bei Frau Holle ist die Stiefschwester sehr distanziert und Goldmarie sucht keine Konfrontation trotz dessen, dass sie ungerecht behandelt wird. Es kommt nicht zum Streit. Dies sieht bei der letzten Gruppe anders aus.

FEINDSELIGKEIT: Zwischen den Geschwistern besteht eine auffällige Distanz, meist als Folge von Wut, Neid und Ablehnung. Offene und verdeckte Streits kommen regelmäßig vor. In Einäuglein, Zweiäuglein und Dreiäuglein verbünden sich zwei Schwestern, aufgrund von Neid und Hass, gegen die dritte. Auch in Aschenputtel äußern sich Neid und Missgunst der Stiefschwestern in Distanziertheit. Die Stiefschwester in Brüderchen und Schwesterchen bringt ihre Schwester wegen ihrer Eifersucht sogar um. [1]

Was lehren uns also die Märchen?

Doch auch wenn sich Geschwister entfremden und vielleicht sogar den Kontakt abbrechen, ist da immer noch dieses unsichtbare Band der schicksalhaften Verbundenheit. Geschwister kann man sich nicht aussuchen. Manchmal lieben wir sie und manchmal hassen wir sie.[2] Dies zeigt uns – und vor allem den Kindern – auch die Märchenwelt. Damit steht sie im Gegensatz zur gesellschaftlichen Norm, dass sich Geschwister immer vertragen müssen. Wie anhand der genannten Beispiele zu sehen ist, sind die Beziehungen zwischen Geschwistern nicht immer gut. Mal sind sie die besten Freunde, mal sind sie nicht so dicke. Somit bilden Märchen das wahre Leben ab. Jedoch zeigen sie uns auch eine moralische Botschaft: wenn sich Geschwister nicht verstehen, führt dies meist zum Nachteil und zwar früher oder später auf beiden Seiten. Es muss nicht immer alles in Ordnung sein, trotzdem sollte es keinen Neid und keine Missgunst zwischen Geschwistern geben.

Verfasst von Annalena


[1] Kögel, U.: Geschwisterbeziehungen in Märchen. Formen und Darstellungsweisen. GRIN Verlag. München 2006. Verfügbar unter: https://www.grin.com/document/85707 [07.07.2019]

[2] Braun, M.: Geschwisterbeziehungen – das reinste Schicksal, in: WELT, veröffentlicht am 30.01.2011, verfügbar unter: https://www.welt.de/wissenschaft/article12372691/Geschwisterbeziehungen-das-reinste-Schicksal.html, abgerufen am [07.07.2019]

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