Weggesehen – Sexueller Missbrauch in pädagogischen Institutionen

Ob innerhalb einer Familie oder durch fremde Täter* – die Dunkelziffer der Opfer von sexuellem Missbrauch ist hoch. Auch in pädagogischen Einrichtungen, in denen Kinder Schutz und Sicherheit suchen und von Mitarbeitern emotional, sowie physisch abhängig sind, kommt es zu sexuellen Übergriffen. Von Außen scheint es unmöglich, trotz dessen passiert es immer wieder. Es stellt ein Tabuthema dar über das nicht gesprochen oder geschrieben werden soll. Aber wie kann es dazu kommen? Welche strukturellen Fehler weisen diese Einrichtungen auf, um sexuellen Missbrauch überhaupt zu ermöglichen? Wie fühlen sich die betroffenen Kinder? Welche Folgen erwarten sie und welche Hilfe werden benötigt?

Wie kommt es zu sexuellem Missbrauch in pädagogischen Einrichtungen?

Berufe, in denen der Kontakt mit Kindern und Jugendlichen im Vordergrund stehen sind besonders attraktiv für Erwachsene mit pädosexuellen Neigungen, Kontrollphantasien oder gehemmter, unreifer Persönlichkeit. So haben beispielsweise Lehrer, Pfarrer, Erzieher, Trainer, Bademeister, Pfadfinderführer oder Betreuer von Jugendgruppen  leichten Zugang zu jungen Menschen.

Institutionen, die autoritäre oder geschlossene Strukturen und fehlende Transparenz und Kontrolle aufweisen, begünstigen Vorfälle des sexuellen Missbrauchs und erschweren es zudem, diese aufzudecken. Bei Institutionen mit hohen Idealen und moralischen Ansprüchen kommt es oft zu starken Abwehrprozessen bei Kollegen und Vorgesetzten, wenn diese von einer angeblichen Tat eines Mitarbeiters oder einer Mitarbeiterin erfahren. Meistens schauen sie weg, leugnen oder rechtfertigen die Tat sogar, hin und wieder wird die Schuld beim Opfer gesucht. Deshalb benötigen Betroffene oft Jahre oder Jahrzehnte, bis sie sich jemandem anvertrauen, manche berichten niemals vom Erlebten.

Besonders gefährdet sind geistig und körperlich behinderte Kinder, da sie in sehr hohem Maße von ihrem Betreuer abhängig sind. Zudem sind sie es gewohnt, zu Pflegezwecken intim berührt zu werden. Geistig behinderte Kinder verstehen meistens nicht, was ihnen angetan wird, und können sich auch nicht verbal ausdrücken, um die Erlebnisse offenzulegen. Körperlich behinderte Kinder sind nicht in der Lage, sich in Missbrauchsfällen zu wehren.

Heimkinder, die vor ihrem Heimbesuch missbraucht wurden, sind von einer sogenannten „Reviktimisierung“, also eines erneuten Opfer-Werdens gefährdet, da sie häufig Verhaltensauffälligkeiten zeigen und ihren Aussagen auf Grund dessen kein Glauben geschenkt wird. In Heimen kommt es zusätzlich öfter zu sexuellen Übergriffen durch gleichaltrige oder ältere Jugendliche, meist männliche, zunehmend auch weibliche. Diese weisen häufig eine eigene Vorgeschichte des Missbrauchs vor.

Auch in Internaten, in denen Kinder im Gegensatz zu Heimen ein ausgeprägteres Familienleben haben, kommt es zu sexuellen Übergriffen. Ein berühmtes Beispiel ist die Odenwaldschule, in der ein großer Teil der Schüler und Schülerinnen sexuellen Missbrauch erfahren haben. Es wird deutlich, dass die Eltern dieser Kinder nichts von den Vorfällen hören oder wissen wollten – sie leugneten diese, um den guten Ruf der Familie zu wahren. Dies ist ein Grund, weshalb Betroffene sich so hilflos fühlen und lieber schweigen, als die Wahrheit ans Licht zu bringen.

Außerdem trägt die pädagogische Einrichtung, in der sich das Kind befindet, die institutionelle Verantwortung, für dieses Kind zu sorgen, ihm Sicherheit und Schutz zu bieten. Diese Verantwortung wird gebrochen, sobald die Strukturen es Mitarbeitern und MitarbeiterInnen erlauben, beherbergte Kinder und Jugendliche zu missbrauchen.

Wie fühlen sich die Opfer?

Gefühle wie Scham, Hilflosigkeit, Schuld oder Angst gehen mit Missbrauchserfahrungen einher. In den meisten Fällen besteht gegenüber dem Täter eine emotionale Abhängigkeit. So stellt sich das Opfer die Frage welche Gründe es für die Tat gibt. Oft bereut das Opfer die Bewunderung und das Vertrauen zum Täter. Dieser will mit dem Missbrauch eigene Bedürfnisse nach Macht, Kontrolle und sexueller Befriedigung stillen. Meist sucht der Täter Ausreden dafür und weist die Schuld dem Opfer zu, welches dann von Selbstzweifeln geplagt wird. Es ist in einer machtlosen Position gefangen, in der es zum Schweigen gezwungen ist, da es dem Täter körperlich unterlegen und dessen emotionalen Strategien nicht gewachsen ist. So kann es dazu kommen, dass das Opfer der Missbrauchssituation jahrelang nicht entkommt. Was der Täter als angenehm und normal auslegt, erlebt das Opfer als widerlich und schmerzhaft. Je nach Schwere der Tat erlebt der oder die Betroffene Panik und sogar Todesangst. Untersuchungen an Erwachsenen Opfern haben ergeben, dass auch die Langzeitfolgen beträchtlich sind. Angst vor emotionaler Nähe, Depressionen und Minderwertigkeitskomplexe sind keine Seltenheit. Als Mädchen missbrauchte Frauen geraten häufig erneut in die Opferrolle, sei es im Bereich der häuslichen Gewalt oder Misshandlung am Arbeitsplatz. Als Jungen missbrauchte Männer berichten oft vom Kampf nicht selbst zum Täter zu werden, um das Gefühl der Kontrolle wiederzuerlangen.

Wie kann man Missbrauch vorbeugen?

In erster Linie ist jede Einrichtung die mit Kindern arbeitet dafür verantwortlich, eventuellem Missbrauch vorzubeugen und Opfer nachhaltig zu unterstützen. Dienst- und gegebenenfalls strafrechtliche Konsequenzen gehören zu den sofortigen Reaktionen auf bekannt gewordene Übergriffe. Zudem haben eine sorgfältige Auswahl der Mitarbeiter, sowie die Sensibilisierung aller Beschäftigten, höchste Priorität im Bereich der Prävention. In jeder Institution sollte ein Klima von Offenheit und Vertrauen herrschen, in dem Kinder in ihrer Fähigkeit gestärkt werden sich gegen Zumutungen zu wehren und eventuelle Gefahren anzusprechen. Außerdem ist es wichtig die Familienmitglieder soweit es geht in den Alltag mit einzubeziehen und den Äußerungen des Kindes Glauben zu schenken. Weiterhin sind therapeutische Angebote, wie Selbsthilfegruppen und Traumatherapien, hilfreich. Voraussetzung für jede Therapie ist die sofortige Beendigung des Missbrauchs und die räumliche Trennung vom Täter.

Marlen Müller und Anna Nikoleizig



* Der Einfachheit halber wurde im Text nur das Wort „Täter“ verwendet. Gemeint ist sowohl das männliche, als auch das weibliche Geschlecht.


Quelle:

Baldus, Marion und Utz, Richard (Hrsg.): Sexueller Missbrauch in pädagogischen Kontexten – Faktoren. Interventionen. Perspektiven. (2011). VS Verlag für Sozialwissenschaften. Springer Fachmedien Wiesbaden GmbH 2011

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